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Deutschlands Gasreserven: Wann wird es eng?

Deutschlands Gasversorgung: Engpässe und geopolitische Risiken.

Ein Winter zwischen Speicherständen, LNG-Konkurrenz und Geopolitik

Artikel vom 16. Sept. 2026
Deutschland geht mit einer ungewöhnlich niedrigen Ausgangslage in die letzten Wochen der Gaseinspeicherung.

Anfang September 2026 waren die deutschen Gasspeicher erst zu rund 53 Prozent gefüllt. Nach Angaben der Initiative Energien Speichern (INES) ist das der niedrigste Füllstand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen vor rund 15 Jahren. Gleichzeitig bleiben nur noch wenige Wochen bis zum Beginn der Heizperiode. (Energien Speichern)

Auf den ersten Blick klingt das dramatisch.

Und tatsächlich gibt es Anlass zur Sorge.


Aber die entscheidende Frage lautet nicht: Sind die Speicher am 1. November voll?

Die entscheidende Frage lautet:

**Wie viel Gas steht Deutschland während des Winters tatsächlich zur Verfügung und zu welchem Preis?**

Denn zwischen einem niedrigen Speicherstand und einem tatsächlichen Gasmangel liegt ein beträchtlicher Unterschied.

53 Prozent und trotzdem kein unmittelbarer Versorgungsnotstand

Die Bundesnetzagentur sieht derzeit noch keine akute Gefahr einer Gasmangellage. Nach ihren Angaben befinden sich derzeit rund 136 TWh Gas in deutschen Speichern. Das ist mehr, als im vergangenen Winterhalbjahr insgesamt aus den Speichern entnommen wurde.

Hinzu kommen laufende Lieferungen über Pipelines, insbesondere aus Norwegen, sowie LNG-Importe. Auch die deutschen LNG-Terminals verfügen noch über freie Kapazitäten. (DIE WELT)

Deutschland steht also nicht unmittelbar vor einem Szenario, in dem plötzlich kein Gas mehr vorhanden wäre.

Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.

Das Problem liegt vielmehr in der Reserve.

Denn ein Speicher ist keine statische Tankanzeige. Entscheidend ist, mit welchem Füllstand Deutschland in den Winter startet und wie schnell während eines kalten Winters Gas entnommen wird.

Und genau hier wird die Situation interessant.

77 Prozent wären noch erreichbar, aber nicht unbedingt ausreichend

INES kommt in seiner jüngsten Analyse zu einem bemerkenswerten Ergebnis:

Technisch wäre es noch möglich, die deutschen Speicher bis 1. November auf etwa 77 Prozent zu füllen.

Dafür müsste die Einspeicherung allerdings in den kommenden Wochen deutlich beschleunigt werden. Allein die technische Möglichkeit bedeutet zudem nicht, dass die Marktteilnehmer diese Mengen tatsächlich einkaufen und einspeichern werden. (Energien Speichern)


Noch interessanter wird es beim Blick auf unterschiedliche Winterszenarien.

Nach dem INES-Modell könnten rund 77 Prozent zum 1. November bei normalen Wintertemperaturen ausreichen. Bei einem außergewöhnlich kalten Winter reicht dieser Füllstand dagegen nicht aus. INES errechnet für einzelne Tage im Januar mögliche Versorgungslücken von mehr als 25 Prozent. (Energien Speichern)

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage.

Nicht:

„Sind die Speicher voll?“

Sondern:

„Wie kalt wird der Winter und welche zusätzlichen Gasquellen stehen dann tatsächlich zur Verfügung?“

Und hier kommt Hormus ins Spiel

Genau an diesem Punkt bekommt die geopolitische Situation im Nahen Osten eine Bedeutung, die weit über die Region hinausgeht.

Europa ist heute wesentlich stärker auf den internationalen LNG-Markt angewiesen als noch vor einigen Jahren.

Und LNG ist nicht beliebig verfügbar.


Besonders problematisch ist die Situation bei Qatar.

Qatar gehört zu den wichtigsten LNG-Lieferanten der Welt. Ein erheblicher Teil der qatari­schen LNG-Exporte geht nach Asien, rund 80 Prozent der Qatari-LNG-Exporte entfallen auf asiatische Abnehmer. Gleichzeitig ist der Transport aus Qatar unmittelbar von der Straße von Hormus abhängig. (Reuters)

Und genau diese Route ist derzeit massiv beeinträchtigt.


Am 15. September passierten nach vorläufigen Schiffsdaten lediglich vier Schiffe die Straße von Hormus. Der Zehn-Tage-Durchschnitt liegt bei rund 18 Schiffen pro Tag. Bemerkenswert: Unter den registrierten Schiffen befand sich kein LNG-Tanker. (Reuters)

Das ist für den Gasmarkt wesentlich bedeutender als für den Ölmarkt.

Denn Öl lässt sich teilweise über alternative Pipelines und Transportwege umleiten.

LNG ist wesentlich schwieriger zu ersetzen.

Asien braucht Gas und Europa braucht Gas

Damit entsteht ein globaler Wettbewerb.

Wenn Qatar weniger LNG liefern kann, müssen die asiatischen Abnehmer Ersatz finden.

China, Indien, Japan, Südkorea und andere Staaten suchen deshalb nach alternativen Lieferungen.

Diese Mengen fehlen dann nicht automatisch physisch auf dem Weltmarkt, aber sie werden teurer.


Und damit kommt Europa ins Spiel.

Deutschland kann zwar LNG kaufen.

Aber Deutschland ist nicht allein auf diesem Markt.


Wenn ein asiatischer Abnehmer bereit ist, für eine LNG-Ladung mehr zu bezahlen, wird der europäische Käufer mit diesem Preis konkurrieren müssen.

Der Markt funktioniert schließlich nicht nach dem Prinzip:

"Deutschland braucht Gas, also bekommt Deutschland Gas.“

Er funktioniert nach Angebot, Nachfrage und Preis.

Und genau das kann für die deutsche Industrie zum Problem werden.

Das eigentliche Risiko heißt nicht „kein Gas“

Die öffentliche Diskussion konzentriert sich häufig auf die Frage:

Wann ist Deutschland leer?

Das ist wahrscheinlich die falsche Frage.


Viel früher kann ein anderes Problem entstehen:

Wann wird Gas so teuer, dass industrielle Produktion wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll ist?

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Ein Unternehmen kann theoretisch weiterhin Gas bekommen, aber wenn der Preis so hoch ist, dass die Produktion damit nicht mehr konkurrenzfähig ist, wird die Produktion reduziert oder eingestellt.


Das betrifft insbesondere energieintensive Branchen.

Chemie.

Stahl.

Glas.

Keramik.

Papier.

Düngemittel.

Aluminium.

Und viele weitere Bereiche.

Damit könnte eine Gaskrise in Deutschland erneut weniger durch leere Speicher sichtbar werden als durch sinkende industrielle Produktion.

Wann wird es tatsächlich eng?

Eine seriöse Antwort auf diese Frage kann heute niemand mit einem bestimmten Datum geben.

Es gibt aber ein Zeitfenster, das man beobachten sollte.

September und Oktober

Das ist die letzte große Nachfüllphase.

Hier entscheidet sich, mit welchem Ausgangsbestand Deutschland in den Winter geht.

November

Noch kein automatischer Krisenmonat.

Ein milder November kann den Gasverbrauch niedrig halten.

Dezember

Hier beginnt es interessant zu werden.

Wenn die Speicher deutlich unter dem angestrebten Niveau liegen und gleichzeitig die LNG-Märkte angespannt bleiben, steigt die Bedeutung der laufenden Lieferungen.

Januar und Februar

Das ist der eigentliche Stresstest.

Ein längerer Kälteeinbruch könnte die Speicherentnahme massiv erhöhen.

Und genau für ein solches Szenario weist INES bereits heute auf mögliche Versorgungslücken hin. (Energien Speichern)

Drei Faktoren werden entscheidend

Wer die Entwicklung beobachten will, sollte deshalb nicht nur auf einen einzigen Wert schauen.

Es sind vor allem drei Faktoren:

Wer die Entwicklung beobachten will, sollte deshalb nicht nur auf einen einzigen Wert schauen.

Es sind vor allem drei Faktoren:

1. Speicherfüllstand

Wie viel Gas befindet sich tatsächlich in den Speichern?

2. Gaspreis

Wie teuer wird zusätzliches Gas auf dem europäischen Markt?

3. Wetter

Wie kalt wird der Winter tatsächlich?

Erst das Zusammenspiel dieser drei Faktoren zeigt, wie ernst die Situation wird.

Ein Speicherstand von 70 Prozent kann bei einem milden Winter problemlos funktionieren.

Derselbe Speicherstand kann bei einem langen Kälteeinbruch und gleichzeitig ausbleibenden LNG-Lieferungen zum Problem werden.

Und Russland?

Damit bleibt eine weitere Frage offen.

Russisches Pipelinegas steht Deutschland als politisch gewollte und verlässlich planbare Bezugsquelle derzeit nicht wieder in dem Umfang zur Verfügung, wie es früher der Fall war.

Damit hat Deutschland seine Abhängigkeit von Russland zwar reduziert.

Gleichzeitig ist aber eine andere Abhängigkeit entstanden:

die Abhängigkeit vom globalen LNG-Markt.

Das ist keine Rückkehr zur alten Situation.

Es ist eine Verschiebung des Risikos.


Früher war die Frage: 

> Was passiert, wenn Russland den Gashahn zudreht?

Heute lautet die Frage zunehmend:

> Was passiert, wenn auf dem Weltmarkt nicht genügend LNG verfügbar ist, oder Asien bereit ist, deutlich mehr dafür zu bezahlen als Europa?

Der Winter entscheidet

Noch ist es deshalb zu früh, von einer bevorstehenden deutschen Gasmangellage zu sprechen.

Die Bundesnetzagentur sieht aktuell keine akute Versorgungskrise. Gleichzeitig zeigen die Berechnungen von INES, dass Deutschland mit einer außergewöhnlich niedrigen Speicherbasis in den Winter gehen könnte und ein sehr kalter Winter damit zu einem erheblichen Belastungstest würde. (Energien Speichern)

Und über allem steht die geopolitische Entwicklung.

Solange die Straße von Hormus nicht zuverlässig für LNG-Transporte zur Verfügung steht, bleibt der internationale Gasmarkt angespannt. QatarEnergy hat Lieferausfälle bereits bis in den November hinein verlängert. (euronews)

Damit könnte sich in den kommenden Monaten eine bemerkenswerte Situation entwickeln:

Deutschland braucht Gas.

Europa braucht Gas.

Asien braucht Gas.

Und gleichzeitig ist ein Teil der global wichtigsten LNG-Versorgungskette unterbrochen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

> **„Wann ist Deutschland ohne Gas?“**

Sondern:

> **„Wann wird aus der geopolitischen Verknappung ein Preis- und Versorgungsproblem, das die deutsche Industrie nicht mehr ignorieren kann?“**

Die Antwort darauf wird wahrscheinlich nicht an einem einzigen Tag fallen.

Sie wird sich über Speicherstände, Wetter, LNG-Lieferungen und Preise ankündigen.

Und der eigentliche Stresstest beginnt erst, wenn der Winter kommt.

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